"Aber der Tag wird kommen so dit doitsche Volk aufwacht" oder:

Wenn Bettnässer Weltpolitik machen

Rechtsradikale Kinder auf der Anklagebank: Was können wir in der Justiz tun? Was können wir als Bürger tun? Kann das Jugendrechtshaus helfen?

Von Sigrun von Hasseln

"Moin, moin Kamerad E. ! ... Nun möchte ich Dir von etwatt berichten, watt auch gut als Fortsetzung ‘Maik’s Begegnung mit der dritten Art’ angedacht werden könnte. Und zwar hatte ich für einen kurzen Zeitraum einen Fremden als Hausarbeiter (der ditt Essen austeilt und die Station, außer Zellen, sauber macht), dieser verfügte noch nicht mal über weiße Haut. Dieser ‘Kameltreiber’ (oder auch ‘Laune der Natur’) entsprang wohl einer marokanischen Dose, genau kann ich dies aber nicht sagen, da ich verständlicher Weise keinen näheren Kontakt zu diesem ‘Wesen’ suchte. Damit wollte die Anstalt wohl eine Art von Multi-Kultiprogramm starten, frei nach der Devise ‘Integration schafft Feindschaft’. Damit waren die bei mir natürlich an der ‘richtigen’ Adresse. Das Grauen begann ... gleich früh am morgen. 06.00 Uhr Wecken, ca. 06.10 Uhr Wäschetausch, ca. 6.20 Frühstück und erster Kontakt mit dem fremden Wesen, hatte dieser doch tatsächlich seine braune Hand nach meinem Teller ausgestreckt mit der Erwartung, diesen auch anfassen zu dürfen. Durch meine Übermüdung .. bekam ich erst in letzter Sekunde mit, watt sich dort perverses abspielte und schaffte es noch gerade so meinen Teller vor dieser ‘Vergiftung’ zu schützen, indem ich erstmal den taktischen Rückzug antrat. ... Dieser ‘Parasit’ erhielt von mir mit sofortiger Wirkung strickt Verbot mich anzusprechen, anzusehen und mir ditt Essen zu reichen..." In diesem Stil ging der Brief des jungen Untersuchungsgefangenen an seinen "Kameraden" weiter.

Das Ritual der Postkontrolle

Er wußte, daß der Jugendrichter ihn bei der Postkontrolle lesen, wahrscheinlich beschlagnahmen und letztlich ein Obergericht über die Rechtmäßigkeit der Beschlagnahme entscheiden würde. Der Jugendrichter konnte voraussehen, daß sich der U-Häftling im nächsten Brief über die Begründung des Beschlagnahmebeschlusses und des die Beschlagnahme bestätigenden Beschlusses des Obergerichts mokieren und sein "Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung" - insbesondere die Judenfrage betreffend - einfordern würde: "Mein bester Froind war Jude und is seit seiner Reise durch den Schornstein seit über 50 Jahren glücklich über ganz Doitschland verstroit." ... Mit troi doitschem Gruß. Dein Froind und Kamerad ..." war in einem jener Briefe zu lesen.

Fangemeinde im Zuschauerraum

Als ich dem 19 Jahre alten Schreiber diese Zeilen anläßlich der Begründung des gegen ihn soeben verkündeten Urteils (7 Jahre und 6 Monate Jugendstrafe) vorhielt, um seine besondere Gewaltbereitschaft zu begründen, erhielt er aus dem Zuschauerraum laute Beifallsbekundungen seiner Glatzenfreunde. Die Inthronisierung des Angeklagten auf den Heldenstuhl, so schien es, konnte nur durch die massive Ankündigung, die Sympathisanten aus dem Sitzungssaal zu entfernen, verhindert werden.

Neofaschismus und "Helfersyndrom"?

Dabei war ihr "Kamerad" - und das erschien zunächst so widersprüchlich in der Szene, die für "saubere Straßen" zu kämpfen vorgibt - nicht wegen eines einzigen Delikts mit neofaschistischem Hintergrund, sondern ausschließlich wegen Taten aus dem Bereich der allgemeinen Kriminalität verurteilt worden: u.a. wegen eines gemeinschaftlichen schweren Raubüberfalls, wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung in mehreren Fällen und einer gemeinschaftlichen Aussetzung, die haarscharf am gemeinschaftlich versuchten Mord vorbeiging. Auch bei den Opfern handelte es sich ausschließlich um deutsche Staatsangehörige. Auf den zweiten Blick unterschieden sich die Straftaten aber doch von denen eines "normalen Kriminellen" und hatten alle etwas gemeinsam: Obwohl sie jeweils mit übelster Brutalität begangen worden waren, - der Angeklagte war in allen Fällen den jeweils durch Faustschläge auf den Boden gestreckten Opfern mit Stahlkappenstiefeln auf dem Kopf herumgesprungen; - lagen ihnen in keinem Fall Habgier oder persönliche Rachemotive zugrunde. Vielmehr hatte er, wie auch seine verurteilten Mittäter, jeweils einem anderen Hilfe gewähren oder ihn unterstützen wollen. Bei dem brutalen Raubüberfall handelte es sich in der Sprache der Szene um "Hilfe beim Schulden Eintreiben", nachdem ein Freund darum gebeten hatte, der die Gewaltbereitschaft des Angeklagten und seiner Freunde kannte. Der fast versuchte Mord, den das Opfer nur durch Zufall überlebt hatte, war die "endlich verdiente Abreibung" für die jahrelange Mißhandlung einer Frau durch ihren Ehemann. Auch diese hatte die ihr bekannte Gewaltbereitschaft des Angeklagten und seiner Freunde durch detaillierte Schilderungen des ihr durch ihren Mann angetanen Unrechts geschickt auszunutzen gewußt, um die "Jungs" "richtig heiß" zu machen.

fun und action

Wie in vielen vergleichbaren Fällen erlebte ich in der Hauptverhandlung einen gänzlich anderen Menschen, als er es nach dem Ergebnis gerade dieser Hauptverhandlung sein mußte. Das ungeheure Maß an festgestellter Brutalität paßte überhaupt nicht zu dem eher schüchtern wirkenden Heranwachsenden, der bedauerte, sich in seinem nachsichtigen Elternhaus und der Schule aus lauter Langeweile oft rüpelhaft benommen zu haben, und der verlegen seinen Versuch einräumte, sich als "starker Mann" darzustellen. Es war nicht gespielt, als er von früheren Hoffnungen, etwas tun zu können, berichtete. Er war bei Erwachsenen schnell an Grenzen gestoßen; letztlich war er bei den Skinheads gelandet. Er sei unpolitisch; in der Clique gehe es um "Saufen, Weiber, Party pur, Proll". Man wolle auffallen und Spaß haben.

Zwischen tödlicher Hetzjagd gegen Ausländer und Steifftieren

"Spaß" wollten auch jene um die 18 Jahre alten Schüler und Auszubildenden aus geordneten Elternhäusern haben, die laut Anklage im Herbst 1998 einen 12 Jahre alten Jungen eine Nacht lang mit Klebeband umwickelt, auf einen kalten Fußboden gelegt, gefoltert und am nächsten Morgen seine Haare abgefackelt und einen anderen Jungen in einen Gully, aus dem ekelhafte Gase entwichen, gesteckt und von oben auf den Kopf uriniert haben sollen. Außerdem sollen sie in mehreren Fällen auf teilweise brutalste Weise einen erpresserischen Menschenraub begangen haben. Bei der Haftprüfung saßen erneut nicht grobschlächtige Brutalos vor mir, sondern Häufchen von Elend, die sich tränengeschüttelt und am ganzen Körper zitternd an der Hand ihrer Eltern und ihrer Großmutter festhielten. Einer wünschte sich seine Steifftiere zurück. In der JVA hatte er auch wochenlang nur geweint. Zweifel an seiner Haftfähigkeit kamen auf. Einer der Mitangeklagten war dem Spott von Mitinhaftierten ausgesetzt, weil er noch Bettnässer war. Seine Mutter, die beruflich aus dem pädagogischen Bereich kam, folgte stumm und verzweifelt der Haftprüfung. Denn den Kindern wurde außerdem im sog. "Gubener Hetzjagd-Verfahren" vorgeworfen, am 13. Februar 1999 den Tod des algerischen Asylbewerbers Farid Guedoul (alias Omar Ben Noui) verursacht zu haben. Es hieß dazu in der Anklage gegen die insgesamt elf Angeklagten: "Während K., D. u. S. den Geschädigten Bensaha verfolgten, stürmten B. und H. - unter Gebrüll von Parolen ‘Wir kriegen euch. Wir haben euch was mitgebracht. Haß, Haß, Haß, Ausländer raus!, Türken raus!, Hätten wir euch heute erwartet, hätten wir Steine mitgebracht!’ - hinter den in Richtung des etwa 100 m entfernten Wohnblocks der Hugo-Jentsch-Straße 13-25 flüchtenden Geschädigten Guendoul und Kaba, verloren diese jedoch entweder aus den Augen oder brachen die Verfolgung zu Fuß nach wenigen Minuten ab und begaben sich nach kurzer Zeit ‘außer Atem’ zurück zum Fahrzeug des R. Die Geschädigten Guendoul und Kaba wähnten jedoch ihre Verfolger hinter sich und suchten panikartig Zuflucht im Hauseingang der Hugo-Jentsch-Straße 14. In Todesangst trat Guendoul die untere Scheibe der verschlossenen Haustür ein. Dabei oder beim anschließenden Durchsteigen der geschaffenen Öffnung zog er sich durch herausragende Glasscherben drei Schnittstichverletzungen an der Innenseite des rechten Beines zu. Mit diesen sofort stark blutenden Verletzungen schleppte er sich, gefolgt von Kaba, bis in den ersten Stock des Treppenhauses, wo er entkräftet zusammenbrach und wenige Minuten später verstarb."

Persönlichkeitsorganogramm eines Skinheads

Gibt es gleichartige Persönlichkeitsstrukturen von Tätern, die in Deutschland seit Anfang der 90iger Jahre Weltpolitik schreiben? Ob Hünxe (1991), Hoyerswerda (1991), Wuppertal (1992), Rostock (1992), Neuss (1992), Solingen (1993), Hattingen (1993) oder Lübeck (1994 und 1996). Überwiegend handelte es sich um schwache Persönlichkeiten mit "deutlichen Unreifezeichen", "unterdurchschnittlicher intellektueller Leistungsfähigkeit und mit "schweren Sozialisationsstörungen", die "Orientierung" "ganz offensichtlich in randsozialen Gruppierungen der Skin-Kultur mit dem entsprechend rechtsradikal orientierten Gedankengut" suchen, wie der Kieler Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Gerd Schütze als Gutachter in einem der genannten Verfahren feststellte.

Justiz - auf dem rechten Auge blind?

Die festgestellten Reifedefizite und intellektuellen Mängel führten in der Vergangenheit in der Regel zu Urteilssprüchen, die in der Öffentlichkeit als zu milde empfunden wurden. Insbesondere wurde und wird die Justiz deshalb kritisiert, weil sie "nicht auf die politische Grundeinstellung des Angeklagten vor Gericht" abstelle.

Rückfall ins Gesinnungsstrafrecht?

Was tun? Wir haben bewußt und aus guten Gründen kein Gesinnungsstrafrecht. Die rechte Terrorszene, die sich in Deutschland ausgebreitet und eine Ursache für Vertrauensverluste im Ausland gesetzt hat, verunsichert andererseits die Justiz. Soll sie dem politischen Druck nachgeben und in vergleichbaren Fällen gegenüber rechts motivierten Tätern höhere Strafen verhängen als gegen unpolitisch Handelnde? Wie ist das mit dem Gleichheitsgrundsatz? Was würde es rechtfertigen, den Hitlergruß mit zwei Jahren vollstreckbarer Jugendstrafe zu belegen; den brutalen Handtaschenraub aus Habgier aber nur mit einem Jahr Bewährungsstrafe?

Die wahren "Helden" sitzen im Knast

Untersuchungsergebnisse, die sich mit eigenen Erfahrungen decken, zeigen, daß "Gefängnisstrafen keinen abschreckenden Effekt" haben, sondern "im Gegenteil" "rechte Karrieren befördern." Denn Strafvollzug verfestige rechtsextreme Orientierung und die Bereitschaft zur Gewaltanwendung. Der Gefangene bestätige den Regelkreis von Macht und Ohnmacht, auf dem das Funktionieren des Gefängnisses im Großen wie im Kleinen basiere. Haß gegen den Fremden, den "Kanaken" als den sozial Schwächeren kompensiere eigene Ohnmachtserfahrungen. Er bleibe deshalb das zentrale Feindbild, gegen den sich in projektiver Abwehr die Angst vor der eigenen sozialen Deklassierung wende. Dadurch könne ein Teil der Aggressionen abgearbeitet werden, die sich eigentlich gegen die Anstalt und ihre Zwänge richte. Er setze durch sein Verhalten fort, was in der Struktur des Knastes angelegt sei: Die Gewöhnung an Gewalt.

Die Durchsetzungsfähigkeit der Justiz

Andererseits kann die Einschätzung, daß die Vollstreckung von freiheitsentziehenden Maßnahmen bei rechten Gewalttätern nur bedingt erzieherische Wirkungen zeigt, aber ebensowenig Anlaß sein, anders zu reagieren als in vergleichbaren Fällen. Die Justiz muß schon aus generalpräventiven Gründen zeigen, daß sie in der Lage ist, schnell und angemessen durchzugreifen.

Balanceakt der inneren Unabhängigkeit

Fazit: Bei allem Entsetzen und aller persönlicher Wut über die Auswirkungen ausländerfeindlicher Aktionen dürfen wir uns als Richter nicht verleiten lassen, unbesonnen zu reagieren. Wir dürfen Stellung beziehen, sind aber weder Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Versäumnisse noch dürfen wir uns von Politik, Verwaltung, Wirtschaft oder Medien instrumentalisieren lassen. Die Justiz muß Garant für die Wahrung der Menschenwürde in unserem Staat nach allen Seiten sein und auch in etwaigen Krisenzeiten bleiben. Das gilt insbesondere gegenüber jedem Angeklagten, und zwar unabhängig von Art und Umfang des ihm vorgeworfenen Delikts.

Was können wir als Bürger tun?

Der Alltag im Jugendstrafverfahren muß aber nicht dauerhaft "braun" bleiben, wenn wir uns als Bürger engagieren und dabei von Politik, Verwaltungen, Wirtschaft und Medien unterstützt werden. Dabei geht es nicht um lautstarke "Bekenntnisse gegen Gewalt", "Spaziergänge gegen rechts" und sonstigen Aktionismus, der eher kontraproduktiv wirken kann. Entscheidend ist eine an den Defiziten unserer Jugend orientierte präventive Jugendarbeit.

Sozio-kulturelle Vernachlässigung

Wo es Defizite gibt? Nicht mehr nur bei Jugendlichen aus sog. Problemfamilien. In Brandenburg habe ich es zunehmend mit überbetreuten und verwöhnten jungen Leuten zu tun, denen die Eltern gar die Handy-Rate und die Pkw-Rate zahlen, wenn sie gerade 18 geworden sind. Es sind jene Eltern, die pausenlos anrufen, wenn ihre Kinder inhaftiert werden und ununterbrochen wiederholen, daß sie als Eltern doch alles richtig gemacht haben.

Genau hier aber liegt der entscheidende Irrtum. Es wurde nach langen materiellen Entbehrungen in Deutschland jeweils verkannt, daß der materielle Wohlstand nicht allein das Tor zur Zukunft ist. In den alten Bundesländern haben das die Eltern der intellektuellen Wirtschaftswunderkinder Ende der 60iger Jahre massiv zu spüren bekommen; in den neuen Bundesländern macht heute die weniger intellektuelle und deshalb weniger "wendige" Jugend mobil. Den Wirtschaftswundereltern wurden kalter Kapitalismus, mangelnde Ethik und Kulturlosigkeit vorgeworfen. Die "Wendeeltern" sind meist objektiv überfordert, ihren Kindern ethische, kulturelle und gesellschaftliche Werte und Tugenden zu vermitteln, haben sie doch gegen ihren eigenen Identitätsverlust zu kämpfen, nachdem ihnen 1990 der westliche "way of life" einschließlich der gesamten Rechts- und Sozialordnung übergestülpt wurde. Darüber hinaus gibt es Orientierungsschwierigkeiten in der Gesamtgesellschaft. Viele glauben, daß wir uns bereits im allgemeinen gesellschaftlichen Zerfallsprozeß befinden.

Das alles führt dazu, daß wir unsere Kinder nicht mehr in eine feste gesellschaftliche Werteordnung einbinden; sie "wertfrei" und - nach den jeweiligen geschichtlich-politischen Erfahrungen - möglichst unpolitisch und "neutral" erziehen. Das grundlegende Defizit von religiöser und sozio-kultureller Bindungslosigkeit, das wir meist nicht wahrnehmen, treibt unsere Kinder aber genau denen in die Arme, die diese Defizite auszugleichen vorgeben. Die Gründe, die Jochen v. Lang dafür benennt, daß die Hitlerjugend in kürzester Zeit einen so großen Zulauf hatte, gelten heute unverändert fort: "Alle waren sie getrieben von einem Hang zur Romantik, die im trüben Alltag der Kleinbürger oder gar der Proletarier nicht zu finden war. Manchem Jugendlichen imponierte auch das Ordnungsprinzip in der Hitlerjugend. Anderen gefiel, daß in ihr die Erwachsenen wenig zu sagen hatten, daß in ihr Vorteile des Herkommens unter der Uniform verschwanden und daß Jugend durch Jugend geführt wurde. ... Die meisten ließen sich gern verführen durch die Uniform, durch die Aussicht, hinter Trommeln und Pfeifen durch die Stadt zu marschieren, im Zeltlager zu hausen, abends am Lagerfeuer zu sitzen und immer wieder gesagt zu bekommen, man gehöre zu den Garanten der deutschen Zukunft."

Wie gewinnen wir unsere Kinder zurück?

Es ist schwierig, fühlen sie sich doch in der glatzköpfigen Bomberjackengemeinschaft mit Springerstiefeln, Marschliedern, Riten und dem gemeinsamen Feindbild "multikulturelle Gesellschaft" so unglaublich stark, und allein so unglaublich als Versager. Wir müssen schlichtweg "bessere Angebote" machen, die jungen Menschen von ihrem Irrweg überzeugen und gar bewegen, ihren Platz in der allgemeinen Gesellschaft zu finden. Integration statt Ausgrenzung wird das Motto sein müssen.

Noch kann man mit vielen "rechten Jugendlichen" sprechen. Wenig geeignet ist dazu i.d.R. allerdings der Gerichtssaal. Auch wenn der Justiz nicht mehr nur repressive Aufgaben zukommen können, sondern sie - etwa in Schulen und Massenmedien - auch Wertevermittlerin und ethische Kontrollinstanz sein sollte, so übersteigen die Anforderungen an tiefgehende Gespräche doch die zeitlichen Möglichkeiten und die Duldsamkeit manches Verteidigers, der glaubt, aus einem gut gemeinten Basisgespräch in Sachen Demokratie noch einen Befangenheitsantrag basteln zu können.

Das Jugendrechtshaus: Orientierungsstätte für junge Menschen in der sozialen Stadt des 21. Jahrhunderts

Um eine Stätte zu haben, wo derartige und eine Vielzahl anderer Aufgaben wahrgenommen werden können, wurde das Modell des Jugendrechtshauses konzipiert und in einigen Orten verwirklicht. Das Jugendrechtshaus möchte Kindern u. Jugendlichen helfen, ihr Recht auf Zukunft zu sichern und ihnen dabei ein Stück Orientierungshilfe in einer schwierigen Welt geben. Dabei sollen junge Menschen an die Regelungen des Zusammenlebens in Theorie und Praxis heran geführt werden und Gelegenheit zur kritischen Auseinandersetzung sowie zum Einbringen innovativer Ideen und zur Übung von Verantwortung erhalten (Erziehung zum Recht). Im Jugendrechtshaus soll interdisziplinär eine ganzheitliche Rechtspädagogik als Ausfluß einer zeitgemäßen Gesamtethik erarbeitet werden. Ihre Inhalte sollen den jungen Menschen von frühester Kindheit an begleiten und die pädagogische Arbeit seiner Erzieher bestimmen. Dabei steht an oberster Stelle die Vermittlung von Rechtsbewußtsein als gesamtgesellschaftliche Basisaufgabe eines demokratischen Rechtsstaats. Das Recht selber, das im Jugendrechtshaus meist im Spaßkostüm erscheint, wird als ordnendes Prinzip der Vernunft und des Zusammenlebens schlechthin verstanden. In ihm fließen alle anderen Prinzipien einer demokratischen Rechts- und Gesellschaftsordnung zusammen und werden koordiniert. Die auf den Prinzipien der Vernunft, der Liebe und der Dynamik aufbauende Erziehung zeigt dem jungen Menschen, daß in erster Linie er selbst für die Situation verantwortlich ist, in der er sich befindet, und dafür selbst die Konsequenzen tragen muß.

Basisarbeit im Jugendclub

In Cottbus, das laut Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" im Brennpunkt der rechten Jugendszene liegt, suchen wir im Rahmen des hier arbeitenden Cottbuser Jugendrechtshauses Kontakt mit Jugendclubs. Die Leiterin des Jugendclubs Madlow im "Brennpunkt-Stadtteil" Sachsendorf, Kerstin Müller, versucht durch großen persönlichen Einsatz selbst sehr "problematische", durch Gewalttaten aufgefallene und mehrfach vorbestrafte Jugendliche an einen Diskussionstisch mit Bürgern, Mitwirkenden des Jugendrechtshauses und Vertretern der Justiz zu holen. Ihr Einsatz lohnt sich. Viele der betroffenen Jugendlichen kommen und sprechen bei diesen Runden ganz offen über ihren Ausländerhaß: "Ich muß morgens früh aufstehen, komme abends spät nach Hause, verdiene kaum etwas, kann mir nichts leisten. Und die Ausländer? Erstens, was wollen die hier, und zweitens, die tun nichts und kriegen alles kostenlos, vom Fernseher bis zur Waschmaschine. Bei der letzten Fußball-WM habe ich an der Kasse genau gesehen, daß die Ausländer vor mir sich einen Fernseher auf Gutschein vom Sozialamt kaufen konnten. Ich konnte mir keinen Fernseher leisten. Dann nehmen sie meinen Kumpels die Arbeitsplätze und die Wohnungen weg und verursachen schwere Verkehrsunfälle. Nachts ist man nicht mehr sicher auf den Straßen, weil sie laufend Passanten überfallen. Die Polizei guckt weg. Es muß doch wenigstens ein paar Leute geben, die uns Deutsche beschützen. Wenn die Polizei schon versagt, sind wir halt aufgerufen, das Viertel sauber zu halten. Natürlich tragen wir Springerstiefel und grölen auch schon mal (rechte) Lieder. Wir müssen uns schließlich irgendwo abreagieren."

Interessante Erfahrung für uns Erwachsene: Die meisten Jugendlichen schienen dennoch aufgeschlossen gegenüber dem Versuch, diese pauschalen Vorurteile aufzubrechen. Auf Nachfragen,

wurden einige merklich nachdenklich.

Als ihnen dann noch erzählt wurde, daß die Deutschen die Ausländer Ende der sechziger/ Anfang der siebziger Jahre als billige Arbeitskräfte ins Land geholt haben, ihre Kinder und Enkel inzwischen hier geboren und aufgewachsen sind und dieses Land ebenfalls als Heimat betrachten, meinten sie noch nachdenklicher: "Das haben wir nicht gewußt. Das uns noch keiner gesagt. Und das stimmt wirklich?" Als die anderen Erwachsenen nickten, schienen sie regelrecht verunsichert. Auf die weitere Frage, ob es denn fair sei, Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, aus dem Land zu ‘werfen’, kam die übereinstimmende, spontane Antwort: "Nein."

Solche Begegnungen lassen hoffen, daß selbst Jugendliche mit einem ausgeprägten Hang zum Neonazismus doch noch einen Kurswechsel von ihrem eingeschlagenen, gefährlichen Weg vornehmen würden, wenn wir ihnen nur andere Perspektiven bieten würden. Die jetzigen inmitten der Plattenbauhochhäuser haben sie geschildert: Wenn sie abends um 10.00 Uhr nicht ruhig seien, hetzten die Anwohner die Polizei auf sie, was meist in einer Eskalation ende. Ausweichmöglichkeiten gäbe es nicht. Früher sei am Wochenende mal eine Fahrt ins Grüne in die Gegend von Forst organisiert worden, da hätten sie sich austoben, laut Musik machen und auch mal "die Sau raus lassen" können. Nun hätten sie nichts mehr. Nur "Rumhängen im Viertel und leise sein!".

Projekteinheit: "Bei Adolf hätte es das nicht gegeben."

Aufgrund der positiven Erfahrungen führen der Jugendclub Madlow und das Cottbuser Jugendrechtshaus nun einmal im Monat eine Informations- und Diskussionsveranstaltung im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft "Recht kompakt" zur Förderung des Rechtsbewußtseins durch. Die AG startete am 27. April 2000 unter dem Thema: "Bei Adolf hätte es das nicht gegeben" mit der Referentin, Oberstaatsanwältin Petra Hertwig.

Das Cottbuser Jugendrechtshaus auch als Einrichtung gegen rechte Gewalt

Nicht nur in Jugendclubs sondern auch in Schulen, in Jugendclubs, im Rahmen von Einzelberatungen sowie im sogenannten "Crash-Kurs vor der Hauptverhandlung im Jugendstrafverfahren" kommt das Programm gegen rechte Gewalt, das ständig ausgebaut und verfeinert wird, zur Anwendung. Das Ziel einer jeden AG ist es, jedem Teilnehmer begreiflich zu machen, was Hitler wirklich wollte, mit welchen Mitteln er die ahnungslose Jugend für seine Zwecke manipuliert und ausgebeutet hat, und was es bei Hitler tatsächlich nicht gegeben hätte: Die Möglichkeit eines jeden Menschen, seine Grundrechte von Geburt an gegenüber jedermann durchsetzen und sich selbst verwirklichen zu können. Es soll möglichst gelingen, der fatalen Glorifizierung des 3. Reiches entgegenzuwirken und jungen Menschen Mut zu machen, sich in der heutigen Gesellschaft zu verwirklichen. Der Weg dahin gestaltet sich häufig als schwierige rechtspädagogische Aufgabe, worauf hier nicht weiter eingangen werden kann. Folgende Gesichtspunkte sollten aber stets berücksichtigt werden:

  1. Zuhören statt draufhauen, wenn Jugendliche nach rechts abzudriften drohen oder bereits Mitglied der rechten Szene sind. Viele sind hilflose - eher schwächer begabte - Kinder, die sich an irgend etwas oder irgend jemanden festhalten möchten.
  2. Mit Jugendlichen die Elemente des Nationalsozialismus und des eigenen Denkens und - oft gewalttätigen - Handelns analysieren.
  3. Jugendlichen eine "starke" Alternative zum Nationalsozialismus anbieten. Welche ? Sie suchen Geborgenheit, das Wir-Gefühl, die Nähe und Anerkennung durch Gleichaltrige, verbindliche Lebensregeln, ein Idol.
  4. Jugendlichen Wege aufzeigen, um sich dem Gruppenzwang zu entziehen
  5. Praktisches professionelles Verhaltens- und Anti-Gewalttraining.

Entscheidend ist eine Erziehung zur Mündigkeit, die Kindern und Jugendlichen hilft, selbstbewußte, eigenständige und moralisch gefestigte Persönlichkeiten zu werden. Nur eine gefestigte Persönlichkeit ist in der Lage, den auf sie heute einwirkenden unterschiedlichsten Gefährdungen zu widerstehen: seien es Verführungen zu Straftaten, zum Drogenkonsum oder zum Kaufrausch; seien es psychologisch ausgefeilte Werbestrategien von Sekten, von rechts- oder linksradikalen Polit-Terrorgruppen, oder sei es "nur" der Gruppenzwang, "mal eben eine Oma abzuziehen" oder einen Gullydeckel auf die befahrene Autobahn zu werfen.