Sind Richterinnen und Richter aktuell „digitaler“ als die Justiz(-verwaltung)?

Auch die Digitalisierung der Justiz ist durch eine (schleichende) „Zeitenwende“ gekennzeichnet, nämlich bei der Akzeptanz in der Richterschaft. Gespräche unter Kolleginnen und Kollegen, auf Verbändekongressen und bei Online-Vorträgen zeigen: Noch vor etwa 15 Jahren war die Sorge groß, beim Change-Management die Richterschaft älteren Semesters allein deshalb nicht mitzunehmen, weil die richterliche Arbeit in ihrem Medium digital wird. Der Computerverweigerer, der schon beim Zeitschriftenumlauf per E-Mail nicht mehr mitmacht, war ein damals ernst genommenes, aber heute fast nicht mehr denkbares Szenario. Ende des Jahres 2022 wird eine aufgeschlossene Richtermehrheit mit Produkten konfrontiert, die 15 Jahre dem Stand der Technik hinterherhinken. Die Frage dominiert: „Das soll allen Ernstes die elektronische Akte sein?“ Auch die Idee, den digitalen „workflow“ dem des 19. Jahrhunderts nachzubilden, hätte in der älteren Generation des Jahres 2007 vielleicht noch Applaus gefunden – heute ärgert es, dass die eAkte das Schlimmste beider Welten vereint, weil die Vorteile der digitalen Welt nicht ausgereizt werden und das Produktdesign pfadabhängig in der Kanzleiwelt verbleibt. Da passt die Nachricht, dass sich eine Initiative gebildet hat, die „einen Austausch innerhalb des digitalaffinen Kollegenkreises über die gegenwärtige und künftige Technologieentwicklung in der Justiz ermöglichen [will] und eine bundesweite Vernetzung der Richterinnen und Richter aller Gerichtsbarkeiten“ anstrebt (so die Selbstbeschreibung): die digitale Richterschaft.

Diese Zeitenwende belegt aber auch, dass die vorliegende Kolumne, die vor 40 Heften zunächst unter dem Namen „Blogschokolade“ startete, schlecht gealtert ist. Damals gab es noch einen Bedarf für eine Rubrik, die auf die zu den Heftinhalten passenden Blogs, Podcasts und Open Access-Veröffentlichungen aufmerksam macht. Auch Themen, die sonst untergegangen wären, wurden so durch eine kleine Internetbibliographie erschlossen. Heute braucht das ersichtlich niemand mehr. Jede und jeder kennt die interessanten Seiten, hat Suchstrategien optimiert, Vorlieben für bestimmte Medien längst gefunden. Wir werden in den nächsten Ausgaben ein bisschen experimentieren, wie wir unsere analoge Form mit Hinweisen in die digitale Welt zeitgemäß verbinden.

Also ein letztes Mal aktuelle „Netzfunde“ – wie man vor zehn Jahren gesagt hätte:
Zum Thema der juristischen Informationsverarbeitung gibt es zwei Angebote unserer Partnerzeitschrift „Justice – Justiz – Giustizia“ in der Schweiz und ihrer Kooperationspartner. Sie veröffentlichen ein vierteljährliches Bibliographie-Update zur Judikative. Ausgewertet werden u.a. verschiedene Bibliothekskataloge und rund 125 Zeitschriften aus der ganzen Welt. Ergänzt werden diese Push-Informationen durch die Recherchemöglichkeit in der Bibliographie auf der Website des Schweizerischen Instituts für Judikative. Ein weiteres Bibliographie-Update in Zusammenarbeit mit der Venedig-Kommission befasst sich mit Medienberichterstattungen über die weltweite Verfassungsgerichtsbarkeit.
Immer wieder waren besorgniserregende Entwicklungen in der Polizei Gegenstand der bei uns erschienenen Beiträge, wie auch in diesem Heft. Daniela Hunold und Tobias Singelnstein haben jetzt bei Springer VS in gedruckter Form, digital kostenlos, ihren interdisziplinär ausgerichteten Sammelband „Rassismus in der Polizei“ veröffentlicht. Der führt den Forschungsstand aus verschiedenen Disziplinen zusammen und arbeitet ihn systematisch auf. Die Beiträge können als Ausgangspunkt für weitere Forschung dienen, sollen aber auch eine Übersetzung der Befunde der Rassismusforschung in Richtung Polizei leisten, so die Intention der Herausgeber.

Frank Schreiber

Die URLs in der Reihenfolge der Nennung (siehe Fettdruck):

https://digitale-richterschaft.de/

https://sifj.ch/dokumentation/