Diversität in der juristischen Berufswelt

Vor ein paar Wochen titelte »Der Spiegel«: »Aufstand gegen den alten weißen Mann: Spaltet Identitätspolitik die Gesellschaft?« Ein Aspekt, der als Beleg für die Spaltung angeführt wird, ist die Kommunikation über Diversität. Uns interessieren nicht die Abwege, sondern der konstruktive Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt: Was ist der aktuelle Stand der Reflexionen hierüber in Rechtswissenschaft und Rechtspraxis?
Fünf Juraprofessor*innen (M. Grünberger, A. K. Mangold, N. Markard, M. Payandeh, E. V. Towfigh) haben gemeinsam zu »Diversität in Rechtswissenschaft und Rechtspraxis« den Stand der Dinge zusammengetragen und ihr 105 Seiten langes Buch als PDF kostenlos bereitgestellt. Bei der Zwischenbilanz bleiben die Autor*innen im Vorwort nicht stehen: »Wir fragen uns daher nicht nur, wie die aktuelle Situation angemessen beschrieben werden kann, sondern auch, was unser eigener Anteil an ihr ist und wie wir sie verändern könnten.« Sie beginnen mit dem verdichtet formulierten Befund, dass fehlende Diversität ein Anzeichen für Strukturen sein kann, die die Wahrnehmung der gleichen Freiheit aller behindern (S. 5). Im Mittelpunkt stehen People of Color, einbezogen wird aber auch das Phänomen der Intersektionalität (S. 18, 20). Das Diversitätsdefizit wird dann sowohl anhand der meist selbsterklärenden Daten als auch der von der Wissenschaft bereits identifizierten Exklusionsmechanismen dargestellt. Spannend sind die Thesen zu den Konsequenzen der Defizite für das Rechtssystem: Farbenblinde Rechtsanwendung kann bei einer homogenen Gruppe der Jurist*innen und deren Empfängerhorizont nicht die Lösung sein. Insbesondere die fehlende Sensibilität des (Straf-)Rechtssystems für die rassistische Dimension von Straftaten als auch mögliche diskriminierende institutionelle Praktiken in der Strafjustiz lassen sich auch auf das Fehlen entsprechenden Erfahrungswissens zurückführen (S. 60). Im Ausblick stellen die Verfasser klar: »Die Forderung nach mehr Diversität, (…) versteht sich (…) nicht als Ausdruck einer wie auch immer konzipierten »Identitätspolitik«. Uns geht es nicht um Gruppeninteressen (…), sondern um die Sichtbarmachung und den Abbau bestehender Zugangshindernisse und Exklusionsmechanismen. Wir plädieren insoweit für die Verwirklichung des auch rechtlich verbürgten Versprechens der gleichberechtigten Teilhabe aller Menschen an gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen. (…) Ernst genommen, orientieren sich Diversitätskonzepte im Ergebnis nicht an einzelnen Gruppen, sondern bauen Barrieren umfassend ab« (S. 86).

Der empirische Befund zur personellen Vielfalt in der Justiz fällt knapp aus (S. 31 f.), nicht zuletzt wegen der beschränkten Datenlage. Zitiert wird hier die psychologische Dissertation von Andreas Maisch, »Migranten in Roben« (2019), die ebenfalls kostenlos über die Deutsche Nationalbibliothek zugänglich ist. Der Autor identifiziert im Vergleich zum Selbstverständnis migrantischen Lehrer*innen und Polizist*innen drei Haltungen: Die den eigenen Migrationshintergrund – ähnlich wie Polizist*innen – aus ihrer Tätigkeit bewusst ausklammernden »exkludierenden« Richter*innen, die ihren Migrationshintergrund als zusätzliche Befähigung begreifenden, inkludierenden Richter*innen wie z.B. Sonia Sotomayor, den Lehrkräften vergleichbar, sowie Richter*innen mit einer nüchtern-abwägenden, pragmatischen Haltung zu ihrem Migrationshintergrund. Interessanterweise bestätigten auch die Richter*innen mit einer exkludierenden Haltung den Einfluss von Migrationserfahrungen auf das eigene richterliche Handeln (S. 228). Maisch fordert daher professionelle Möglichkeiten der Reflexion.

Im Juni 2021 erfolgte der Gründungsaufruf für einen »(Post-) migrantischen Jurist*innenbund« durch Berkan Kaya (Bucerius Law School, Hamburg), am 6. Juli 2021 ein erstes offenes Zoom-Plenum. Demnächst berichten wir ausführlicher. Zudem lohnt es sich, für weitere Literaturhinweise unserem Twitter-Account zu folgen.

Frank Schreiber

Die Links in der Reihenfolge der Nennung:

https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/9783748927617/diversitaetin-
rechtswissenschaft-und-rechtspraxishttps://www.juwiss.de/46-2021/

https://d-nb.info/1200468201/34

https://twitter.com/berquan_kaya/
status/1408443367726497798/