„Jugendrichter als Superpädagogen“

Bericht über die Arbeitsgruppe auf dem Richterratschlag in Hamburg im November 2014

 

Die Frage, ob Jugendrichter/Jugendrichterinnen die Superpädagogen sind, haben wir nicht beantwortet – bezüglich der Frage, ob sie sich an einzelfallbezogenen Fallkonferenzen beteiligen sollen, herrschte weitgehend Ablehnung. Als Probleme wurden der Datenschutz, der Umgang mit der Unschuldsvermutung, die fehlende Einbeziehung der gesetzlichen Vertreter sowie die Besorgnis der Befangenheit gesehen.

Zur Frage der Kompetenz der tätigen Jugendrichter/Jugendrichterinnen in Sachen Pädagogik und anderen Nebendisziplinen referierte die eingeladene Referentin Dr. Theresia Höynck aus dem Jugendgerichtsbarometer. Danach haben nur etwa ¼ der Befragten vor ihrer Tätigkeit als Jugendrichter/Jugendrichterinnen Berührung mit diesem Gebiet und den Fragen der Pädagogik/Psychologie. Die meisten nehmen aufgrund von Arbeitsbelastung oder familiärer Situation keine Fortbildung in diesen Bereichen wahr und auch nicht in Fachverbänden organisiert. Ca. 45 % haben aber auch lediglich eine halbe Zuständigkeit im Jugendrecht, die meisten sind daneben im allgemeinen Strafrecht tätig, teilweise auch im Familienrecht oder in der Verwaltung. Ein großer Teil ist weniger als 2 Jahre im Jugendbereich tätig; zudem sind es häufig „Einzelkämpfer“, da sie die einzigen Jugendrichter/Jugendrichterinnen an ihrem Gericht sind.

Eigentlich war damit alles gesagt zur übergeordneten Fragestellung. Zum Glück entwickelte sich aber eine sehr lebhafte und ausgiebige Diskussion – die hier nicht wieder gegeben werden kann – aufgrund der Darstellung der Referentin bezüglich der Anforderungen an die Jugendrichter/Jugendrichterinnen. Diese werden gern als „Druckmittel“ eingesetzt, von ihnen wird die Zerschlagung des „gordischen Knotens“ erwartet, es wird auf ihre Macht und Autorität von Amts wegen gehofft, weshalb sich die Jugendhilfe teilweise zurückzieht. Dabei war es dann durchaus unterschiedlich in der Bewertung, ob wir die Macht auch einsetzen wollen: großen Gestaltungsmöglichkeiten stehen Gefahren gegenüber, z.B. dass Entscheidungen durch den Richter/die Richterin nicht einfacher werden und sie auch häufig aufgrund der nicht vorhandenen Ressourcen in der Jugendhilfe gar nicht umgesetzt werden (können).

Deutlich wurde aber mal wieder, wie wichtig es ist, ins Gespräch zu kommen und zu bleiben, mit anderen Beteiligten außerhalb des Gerichts zu kommunizieren und kooperieren – sich dabei aber durch die Erwartungen der Anderen nicht allzu sehr hineinziehen und ausnutzen zu lassen und die Grenzen der eigenen Kompetenz zu erkennen.

 

Andrea Lucas